Der Raum hat mich immer schweigsam gemacht. Jules Vallès

Wie können wir uns einer Landschaft nähern, die nicht mehr jene ist, welche wir sehen, sondern im Gegenteil jene, in der wir gesehen werden? Gilles Deleuze

Wenn die Unermesslichkeit Gaston Bachelard zufolge eine philosophische Kategorie der Träumerei ist, ist die Kartografie, das Vermessen und Verzeichnen oder Aufklappen des Raumes, wie es uns in den Zeichnungen von Natascha Pötz begegnet, dann der Versuch dieser Unermesslichkeit zu begegnen? Es mag sein, dass es irreführend ist, den Begriff der Träumerei überhaupt aufkommen zu lassen in Bezug auf Zeichnungen, die weniger in Träumen als in Erinnerungen an konkrete Orte wurzeln. »Aber handelt es sich wirklich um eine Erinnerung? Ist die Einbildung nicht schon bei der ersten Betrachtung tätig?«, fragt Bachelard und stellt fest: »Die Träumerei ist ein Zustand, der vom ersten Augenblick an vollständig hergestellt ist. Man sieht kaum, wo sie anfängt, und doch beginnt sie immer auf die gleiche Weise. Sie flieht das nahe Objekt, und sogleich ist sie weit weg, anderswo, in dem Raum des Anderswo.« – Weit weg, in dem Raum des Anderswo, der vielleicht am ehesten der Raum des Reisenden ist, sein Fluchtpunkt. Natascha Pötz’ Bildräume sind so etwas wie Verzeichnisse von Intensitäten. Verortungen. Traumartig in ihrer verzerrenden Topografie, in ihren Maßstabssprüngen und scheinbaren Ungereimtheiten, dem zugleich hier wie dort Sein, rekonstruiert sie in der Zeichnung, wie in einer Auf- oder Nachzeichnung, Erlebnisse, in dem sie sie in räumliche Anordnungen übersetzt. Dabei ist zweifellos nicht nur die Aufzeichnung eine (Re-)Konstruktion, sondern auch die Erinnerung. Es gibt in diesen Bildern keine Auflösung ins Sprachliche und die Geschichten, die sie auf so seltsam schweigsame Art erzählen, bleiben rätselhaft. Dennoch führen sie an wohl vertraute Orte. Orte, die ganz offensichtlich in der sichtbaren Welt und doch zugleich ganz wo anders liegen. Der Vorgang des Zeichnens, als Schraffur, als Strich, als Linie, als konzentrierte Anwesenheit, bleibt immer präsent und kann im wörtlichen Sinne als Verdichtung verstanden werden. Eine Verdichtung im Bild, die wiederum eher auf das Sehen, als auf die Träumerei verweist.

Nina Jäger